Wangen spielt leicht und elegant

Veröffentlicht: Dienstag, 05. Juli 2016

Nachdem das Jugendblasorchester unter der Leitung von Reiner Hobe mit einem bunten und musikalisch präzise vorgetragenen Programm entsprechend eingestimmt hatte, nahm die Stadtkapelle unter der Leitung von Tobias Zinser auf der Tribüne vor dem stimmungsvoll beleuchteten Marktplatz. Die Entscheidung, das Konzert auf Freitagabend vorzulegen, war fußball- und wettertechnisch goldrichtig.

 Die Stadtkapelle auf dem Marktplatz zu hören, ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. Dabei entwickelt sich ein sehr elegantes, lichtes musikalisches Bild. Das zeigte sich schon im Triumphmarsch aus Verdis „Aida“, der wunderbar ins italienische geprägte Flair des Wangener Marktplatzes passte, ein würdevolles und zugleich enthusiastisches Bad in Melodien und Harmonien.

„Alpine Holiday“ von James Barnes besaß auch diesen nach oben strebenden Charakter. Die beschreibung der schweizer Alpen ließ der Phantasie freien Raum, Bilder erstehen zu lassen: schroffe Felsen, himmelstürmende Gipfel, eine quirlige Tier- und Menschenwelt: Alles war sehr bunt, sehr hell, glänzend und lebendig.

Perfekt ausgewogene Satztechnik

Für seine „Frydlant Suite“ hat der Tscheche Pavel Stanek auf bekannte böhmische und mährische Volkslieder zurückgegriffen. Mit viel Sinn und Feingefühl für das Original, gelang es ihm, den volkstümlichen Liedcharakter der vier Sätze zu bewahren. Die Melodien entwickelten sich zu Kristallisationspunkten für eine perfekt ausgewogene Satztechnik, die sich ganz in den Dienst eines dichten und unmittelbaren Ausdrucks stellte.

Der Charakter wechselte vom Schwelgen in satten Klangfarben bis zu gelöstem Musizieren und herzhaften Tanzabschnitten, in denen die Stadtkapelle leichtfüßig und wie auf Zehenspitzen über den Marktplatz hüpfte. Immer war die sichere Hand des Komponisten zu spüren, der niemals ins Formelhafte oder in die Gefühlsduselei abglitt, eine gelungene Synthese aus Volksmusik und den Möglichkeiten eines modernen Blasorchesters.

In der Filmmusik zu „The Cowboys“ von John Williams herrschten jugendliches Ungestüm und Unbekümmertheit vor, die jedoch mit der Härte von Tod und Verlust konfrontiert wird: Der bärbeißige Rancher, dargestellt von John Wayne, kommt im Laufe des Viehtrecks ums Leben und die jugendlichen Cowboys müssen die große Aufgabe allein zu Ende bringen. Der ungebremste Bewegungsimpuls kulminierte in rasanten Unisono-Passagen, die gestochen scharf über alles Register gelangen.

Ebenfalls sehr temperamentvoll schloss sich „Granada“ von Agustin Lara an, ein Welthit, dessen schneidige Paso-Doble-Rhythmen ein Feuerwerk an wechselnden Stimmungen und andalusischem Stolz umrahmten und nicht weniger Stolz folgte der Marsch „Pomp and Circumstances“ Nr. 1 von Edward Elgar, das Sinnbild britischer Macht und Größe.

Zinser wählt echtes Marschtempo

Tobias Zinser wählte ein echtes Marschtempo, ließ der musikalischen Substanz den Raum, sich zu entfalten und das weltbekannte Trio schmetterte nicht pompös, sondern legte sich als silberner, durchsichtiger Klangteppich über den Marktplatz – der völlige Gegensatz zur gegenwärtigen patriotischen Aufwallung, musikalisch aber äußerst eindrucks- und stimmungsvoll.

Musikalisch feinsinnig und einfühlsam ging das Konzert auch mit zwei Zugaben zu Ende: „Salve Imperator“ von Julius Fucik, schmissig, aber nicht überschärft gespielt und einem sehr klangvoll arrangierten Spiritual: „Lead me home“.

Quelle: Schwäbische Zeitung vom 03.07.2016; Geschrieben von Johnannes Rahn; Bilder: Susanne Müller